Georg Rudolph Text & Konzept / Kreative Unternehmenskommunikation

Lauschdilemma

Manchmal denke ich mir: Och so ein bisschen Radio hören jetzt, wär doch ganz nett. Aber immer, wenn ich das Ding dann anmache, höre ich nur sechs oder acht Takte und habe genug Radio gehört. Und jedesmal denke ich mir: Verdammt, warum kannst du es nicht machen, wie alle anderen und einfach NICHT hinhören. Es einfach laufen lassen. Die Musik ein Bächlein sein lassen, das den Alltag umspielt, begleitet, beschwingt und dabei irgendwas anderes tun: arbeiten, putzen, lesen, essen, basteln, stricken, häkeln, sitzen und gucken, autofahren oder so. Aber das geht nicht. Ich bin zum Lauschen verdammt. Ich höre immer auf alles: auf Taktarten und Grooves, Bassdrums und HiHiats, Arrangenments und Melodien, Harmonien und Tonartenwechsel, Bluenotes und Pause, Sounds und Effekte, Musikstile und Mixings und so weiter und so weiter und ich weiss nach drei Takten Radiohören, dass die nächsten drei Takte fast genauso klingen werden, wie die sechs oder acht, die ich gerade eben gehört habe und langweile mich zu Tode. Das ist, wie wenn ein Autofreund an der Straße steht und Autos beobachtet: nach drei vorbeifahrenden Modellen wirds langweilig - und seine Alternativen etwas Abwechslung in die Beschäftigung mit Autos zu bringen sind begrenzt: soll der Autoliebhaber Kfz-Mechaniker werden? Oder Autorenn-, Taxi- oder Lastwagenfahrer? Soll er einen Job bei BMW annehmen oder anfangen Oldtimer herzurichten? Das Radio scheint sich für die Oldtimer entschieden zu haben. 99% aller Radioformate machen ja nichts anderes, als Oldies im Original rotieren zu lassen oder Musik zu spielen, bei der versucht wird bewährte Song-, Harmonie- und Melodiemuster zu entrosten und zu verchromen. Echte Überraschungen oder poppige Lauschspannung, wie ich sie benötige, um Spaß am Hören zu haben, gibts da kaum.

“Leg doch ne CD ein, die du magst” werden viele jetzt denken. Das ist sehr nett gemeint, bringt mich aber nicht aus dem Lauschdilemma: die Pop-CDs oder Platten, die ich zu Hause habe, die kenne ich alle. Und immer was neues kaufen, in der Hoffnung, nach dem 3ten Hören der neuen Platte immer noch überrascht zu werden, das ist von Pop-Musik ja auch nicht zu leisten. Dabei liebe ich Pop-Musik - solange sie mich überrascht.

Womit wir beim eigentlichen Dilemma wären: wieviel Überraschendes darf ein Pop-Song haben, um noch ein Pop-Song zu sein? Und warum höre ich eigentlich keinen Dschäs?

Ach ja, der Dschäs. Das Thema ist ein eigenes Posting wert.

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