Beim Inder
Vor meinem Lieblingsthailänder wurde heute mittag der Bürgersteig aufgepresslufthämmert. Was mich dazu bewegte den Inder zwei Häuser weiter auszuprobieren. Der Eingang wurde bewacht von einem großen dunkelhäutigen Mann (Inder?), der mich mit den Worten begrüßte: “Ich grüße Sie.” Ich grüßte zurück und betrat das Lokal. Es war menschenleer. Kein Tisch war besetzt. Der Mann (Kellner?) sagte: “Dort die Ecke vielleicht?” Der Zweiertisch stand in der hintersten, eckigsten Ecke, die man sich in einem Restaurant vorstellen kann. Ich sah mich spontan gezwungen nachzufragen: “Die Ecke, da?”. “Ja bitte” war die unmißverständliche Antwort. Also setzte ich mich in die hinterste, eckigste Ecke des menschenleeren Restaurants. Ich bestellte Huhn mit Gemüsecurry in scharf. Ob ich lieber Suppe oder Salat zum Gericht wolle, fragte der Mann. “Was ist das für eine Suppe?” “Linsensuppe.” Ich muss sehr skeptisch gesehen haben, denn er fragte nach: “Sie kennen keine Linsensuppe?” “Doch. Aber nur die deutsche Variante.” Der Inder grinste auf eigentümliche Art - ich würde sagen: verächtlich. Also bestellte ich Salat. Der kam auch bald und ich aß davon, aber nur ungefähr bis zur Hälfte. Die andere Hälfte sollte nicht alleine über die Zunge wandern, sondern das Huhn begleiten. Kaum hatte ich die Gabel weggelegt, kam der Mann, nahm mir den halbvollen Salatteller weg und ging damit in die Küche. Nach fünf Sekunden kam er mit dem Hauptgericht wieder, stellte es vor mir ab und ging zum Schrank, der genau gegenüber meiner eckigen Ecke im gut sichtbaren Thekenbereich stand und zog sich die Krawatte und die Kellnerhose aus. Dann zog er sich Jeans an und ging wieder in die Küche. Kaum hatte ich das Currygemüsehuhn aufgegessen, kam er zurück und fragte, ob ich einen Tee aufs Haus haben wollte. Zu trinken hatte ich nämlich nichts bestellt. Nicht wegen Geiz, sondern wegen Durtlosigkeit. “Nein Danke.” “Dann muss ich kassieren, bitte” Was sein muss, muss sein: Das Speisung dauerte knapp 7 Minuten und kostete 6.50 €. Ich legte einen Zehner auf den Tisch. was mich vor die Frage stellte, wieviel Trinkgeld man einem Salatdieb gibt? Wobei: Das Essen war gut, nur der Gratis-Strip war etwas uninspiriert. Einem Instinkt folgend gab ich dem dunkelhäutigen Mann 7 Euro für alles und verließ das Lokal. Vor meinem Lieblingsthailänder war der Presslufthammer inzwischen zum Schweigen gekommen. Dafür hörte ich eine Stimme hinter mir rufen: HALLO HALLO. Ich drehte mich um: Der Inder lief mir nach und hatte dabei meine viel zu teure, kaum getragene Designer-Jacke in der Hand. Ich hatte sie vor lauter Fluchtverhalten in der eckigen Ecke liegen lassen. Es könnte das bestinvestierteste Trinkgeld meines trinkgeldreichen Lebens gewesen sein.

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