Ach ja, der Dschäs.
Pop ist, wenn es poppt. Rock ist, wenn es kracht. Und Jazz ist, wenn es …. Ja was eigentlich? Ein Jazzfan würde vielleicht sagen: Jazz ist Gefühl: Gefühl vom Musiker durchs Instrument spürbar gemacht. Das stimmt. Das stimmt aber auch für Pop (Computer) und Rock (Verstärker). Und Klassik (Instrument plus Epoche plus Komponist) sowieso. Der Rock fühlt dabei: Körper, Energie und Kraft. Den Altruismus Stärke also. Pop braucht auch Gefühl. Ohne Gefühl ist Pop nicht wirklich Pop, weil unsexy. Denn Pop muss ja vor allem sexy sein: Sexy Melodien, sexy Stars, sexy Verkäufe. Im Idealfall alles drei gleichzeitig. Schnellen Sex vor allem: poppt einPopsong gut, ist er zwei Monate später wieder weg. Dann kommt der nächste Popp. Der Rock tut bloß so, als wär er sexy. Rockmusik ist eine Attitüde, nein, besser: der Rockmusiker macht aus allem, was kracht (meistens ist es Wut) eine Attitüde. Und der Jazz? Hat der keine Attitüde? Im Idealfall nicht, nein. Hat er Sex? Nur im Gehirn vielleicht, aber Kopfsex ja nur interessant, wenn es dabei auch noch woanders poppt oder kracht. Und wenn Jazz zu sehr poppt oder kracht, ist es ja auch kein Jazz mehr. Mit Virtuosität des Künstlers braucht mir hier auch niemand zu kommen. Virtous sind alle, die in ihrem Job gut sind. Meine Oma beispielsweise hat 20 Jahre auf einem kaputten Herd die wunderbarsten Kalbshaxen und Mehrschichichttorten gezaubert. Das war virtuos, kann ich sagen. Was also ist der Jazz? Ist er Reinheit? Persönlichkeit? Individualismus? Ja. Nein. Vielleicht. Blabla.
Was kein Blabla ist, sind die ersten drei Sätze dieses kleinen Textes. Denn will man die zwei, drei großen Haltungen des postmodernen Musikers irgendwie zu fassen kriegen, dann können es die Worte Sex (Pop) und Krach (Rock) ganz gut. Das mag für viele eindimensional klingen. Das ist es auch. Aber das macht es noch lange nicht banal. Denn wenn es um die Haltung geht, mit der man etwas im Leben tut, dann sollte das nicht zu kompliziert sein, sonst ist es ausgedacht, überlegt, erdacht und aufgesetzt. Und nicht mehr echt, authentisch, ehrlich. Und damit keine Haltung, sondern Konzept. Und als Musiker bei etwas so verdammt schwierigem, wie Musik eine Haltung zu entwickeln, die irgendwie zu überraschendem Klang wird, ist dreimal schwer. Was ist nun mit dem Jazz? Ist Jazz also vielleicht Spontaneität? Überraschung? Auch nicht. Jede Musik, die zu wenig überraschend ist, ist langweilig. Und tolle Popmelodien und Rockriffs können ihre Macher und Fans genauso spontan überraschen, wie ein Jazzmusiker den Jazzfreund. Ich bestätige hier und heute etwas, was viele Jazzfreunde auch sagen. Allerdings mit einem unangenehmen Zusatz. (Was den gediegenen Jazzliebhaber jetzt vielleicht etwas schräg gucken lassen mag.) Ich sage: Jazz ist Freiheit – die leider nicht genutzt wird. Dabei geht es hier nicht, um ein Loblied auf Free Jazz. Wer sagt, er mache Free Jazz, ist ja nicht mehr frei, denn der steckt automatisch in der John Coltraine etc. Schublade. Es geht hier um die Haltung, mit der Jazzmusik generell gemacht werden könnte. Da hat der Free Jazz Musiker die Nase zwar vorn, aber nur solange, bis er sich klanglich als Free Jazz kategorisieren läßt. Was der Jazz wirklich vermag ist, mit Hilfe des Wortes “Jazz” Musik zu benennen, die vollkommen neu und ungehört sein kann. Musik, die komplett anders ist, als alle Musik, die es bisher gab. Wenn im Jazz etwas angeblich “Neues” hörbar wird, dann liegt das an der Fingerfertigkeit oder Persönlichkeit oder Gefühlsintensität des Jazzmusikers. Und die sollte bitte jeder haben, der ein Instrument spielt. Dabei ist der Jazz ist die einzige Musikform, die sich ALLES erlauben kann. Oder besser: erlauben könnte. Was den musikalischen Ausdruck angeht, schaffen das auch viele Jazzer. Was die klangliche Substanz der Musik angeht bedient der Jazz-Musiker aber genauso viele Hörgewohnheiten, wie ein Pop- oder Rockmusiker. Der Jazz, den ich kenne, der fuddelt irgendwann, irgendwie um 1000 mal gehörte Jazzskalen und -harmonien herum, raschelt mit den Becken und Snares und walkt mit dem Kontrabass. Das einzige, was unterscheidbar ist, ist der Musiker. Nicht der kompositorische Gehalt, die Haltung hinter der Klangerzeugung. Und damit ist der Jazz dem Pop näher, als ihm lieb ist: Jazz ist für den Jazzfreund Pop. Dass sich der Jazz viel viel mehr erlauben könnte ist die Chance, die er nicht wirklich nutzt. In jedem Jazzakkord, in jeder Jazz-Skala, die gespielt wird, steckt die vergebene Chance echter (musikalischer) Freiheit. Das macht den Dschäs für mich zu dem größte “Schade” der (musikalischen) Menschheitsgeschichte. Und darum höre ich lieber Pop, den finde ich wahrhaftiger. (Rock nicht, weil ich die Attitüde pubertär finde.) Und Electronica natürlich.
Jazz ohne “Schade” wäre vielleicht das: Wer es eines Tages schafft, sagen wir mal: atmosphörisch-niederfrequente Störungen mit Kuhmelkgeräuschen so zu vermählen, dass dabei soetwas wie “als Musik erkennbarer Klang” herauskommt, der darf immer sagen, er mache Jazz und dann bis ans Ende seines Lebens darüber schweigen. Und wenns toll, schön, spannend oder wie auch immer “gut” klingt, wäre das auch voll okay. So etwas wie Kuhmelkatmosphärenmusik ist aber schwer zu kreeiren. Viel schwerer als Fingerfertigkeit und empathischer Ausdruck. Denn dazu braucht es eine Haltung, die tatsächlich FREI ist. Die größte momentan hörbare Freiheit des Jazz ist der Griff in die riesige Spielkiste der Musik (ob bewusst oder unbewusst ist dabei fast egal). Den Jazz (und damit die Musik überhaupt) voranbringen tut es nicht. Da kann der Jazzmusiker noch so virtuos und tieffühlend Tradiotional Jazz interpretieren oder Elemente des Rock, Pop, Blues, Latin, Soul, Hip Hop, Klassik, Elektronica und weiss der Kuckuck was benutzen: Hört man einen Musikstil, sind die Schubladen da. Basta.
Ausser, es ist Musik, die wirklich noch nicht gehört wurde. Und trotzdem Musik ist. Und die soll erstmal einer spielen. Mir fallen da wirklich nur drei Jazzmusiker ein, die das - oft auch nur zum Teil - getan haben: John Cage, Miles Davis und John Coltraine.
Der Jazz ist momentan soweit davon entfernt “freie Musik” zu sein, wie der Pop oder der Rock. Dass er auf traditionellen Instrumenten gespielt wird, macht die Sache nicht leichter. Kriege mal einer aus einem Klavier/Kontrabass/Schlagzeug etc. einen Klang raus, der tatsächlich in KEINE Schublade einzuordnen ist. Nicht, dass das vielleicht nicht ginge. Aber der Elektronikmusiker/Computermusiker, hat es da leichter, der steckt aber auch in seiner Schublade drin.
Erfinde doch mal einer ein paar neue Musikinstrumente bitte. Und spiele sie dann so, dass es nicht nach Dschäs klingt.
Das würde dann wirklich jazzen.
So. Das musste mal gesagt sein.
