Georg Rudolph Text & Konzept / Kreative Unternehmenskommunikation

Lügenmatjes

Eine bekannte Meeresfrüchtekette dekoriert die Serviette zu ihrem Fast-Food-Matjes mit einer Lüge:

“Fangfrisch” steht drauf.

Was (neben anderen möglichen Interpretationsmöglichkeiten, die hier aber nebensächlich sind) wohl ausdrücken soll, dass der Fisch frisch gefangen sei. Jetzt wohne ich aber in München und Meere befinden sich hier weit und breit keine. Da hoffe ich doch sehr, dass der Hering NICHT fangfrisch auf der Ladentheke landet, sondern zumindest eisgekühlt. Im Fall von Matjes habe ich da Glück: Der wird sowieso tiefgefroren, gesalzen und reift dann ein paar Tage im eigenen Bauchspeichelenzym zum Matjes.

Warum also mein Gezeter?

Na weil ich etwas lese, das mit dem was zu tun hat, das ich gerade im Mund habe und feststelle: das ist gelogen. Jetzt sagen Sie mal wie Ihnen eine Lüge schmeckt?

Ist doch nur Werbung, mögen jetzt viele einwenden. Eben drum, möchte ich entgegnen: da wurde bestimmt ein Werbetexter drangesetzt, der auch nicht billig war und den bezahle ich ja auch mit. Ich verspeise also eine Lüge und habe sie auch noch bezahlt und, weil das nicht genug ist: ich unterstütze dabei auch noch meine Konkurrenz.

Die Tragik eines Werbetexters halt.

Löblich dagegen: vor mir an der Fischtheke wurde eine Kundin bedient, die ihr soeben erstandenes Fischfilet wieder einfrieren wollte - und die Verkäuerin hat ihr davon abgeraten, weil der Fisch ja schon einmal gefroren gewesen ist. Das sei erwähnt, damit ich hier wenigstens ein gutes Haar am “fangfrischen” Fisch der Meeresfrüchtekette lasse.

Übrigens: das Matjesbrötchen war geschmacklich, zieht man die Lüge einmal ab, den Erwartungen entsprechend tadellos.